Dass Taiwanesen sehr nett sind, habe ich sicherlich schon öfters erwähnt, hier mal wieder eine Geschichte, über eine besonders nette Familie:
Am 15. Tag des achten Monats (laut Mondkalender) findet das Mondfest statt, hier in Taiwan fahren die meisten dann nach Hause zu ihrer Familie. Auch wenn wir drei Deutschen hier in Tainan keine Familie haben... ein Kollege von Martin lud uns kurzerhand ein, zwei Tage in seiner Heimatstadt Dajia zu verbringen. Wir zögerten nicht lange, auch wenn wir keine Ahnung hatten, was uns dort erwarten würde. Offensichtlich war jedoch, dass Sunchens Familie eine sehr offenherzige und meiner Meinung nach freizügige Familie sein muss: seine Freundin war mit von der Partie (in Taiwan ist es sehr ungewöhnlich, dass Unverheiratet miteinander ohne Begleitung verreisen oder zusammen leben), mit der er auch schon drei Wochen in Neuseeland verbracht hatte.
Gleich nachdem wir in Dajia ankamen, besichtigen wir zunächst den berühmten Matsu-Tempel, der reichste Tempel Taiwans. Zwar sah man ihm das nicht direkt an, allerdings liessen die vielen Besucher und deren zahlreiche Opfergaben darauf schließen, dass der Tempel keineswegs unter Geldmangel zu leiden hatte.
Als wir dann bei Sunchens Familie ankamen, wurden wir von den restlichen Familienmitgliedern sehr herzlich empfangen - auch wenn die meisten kaum oder kein Englisch konnten. Aber Sunchen, seine Freundin und ich üersetzten einfach, wenn es mit Händen und Füssen nicht mehr ging!
Eigentlich ist das traditionelle Essen am Mondfest "kaorou": grillen. Allerdings liegt Dajia sehr nahe am Meer, also war seafood mal wieder die Spezialität. Wir fuhren an den Hafen von Taizhong, der nächsten großen Stadt und nachdem wir in einer Fresshalle unserem Essen noch mal gründlich in die Augen sahen (alles frisch und lebendig in großen Aquarien) landeten Krebse, Garnelen, verschiedene Fische und Muscheln zunächst im Kochtopf und dann bei uns auf dem Tisch!
Nach diesem Festmahl ging es in den Hafen um die obligatorischen Fotos zu machen, später auf eine Autobahnraststätte (!!), die offenbar nur gebaut wurde, um dort einkaufen zu gehen und den Blick auf die beleuchtete Stadt zu genießen.
Nach einer kurzen Pause schlug Sunchen vor, einen ehemaligen Schulfreund zu besuchen - der Schulfreund stellte sich als Inhaber einer Bäckerei heraus, die gerade nichts anderes als Mondkuchen buken. Mondkuchen sind kleine gefüllte Teigtaschen - mal mit Kaffee, mal mit Ei, mal mit Fleisch und man schenkt sie sich gegenseitig zum Mondfest. Im Gegensatz zu Shanghai sind die Mondkuchen in Taiwan sogar meistens genießbar und natürlich konnten wir es schlecht ausschlagen, als uns die verschiedensten Sorten zum probieren angeboten wurden. Als Dankeschön ließen wir uns eine große Schachtel mit ca. 15 Kuchen zusammenpacken... der Preis: nicht einmal 10 Euro, aber alles per Hand hergestellt und wirklich die leckersten, die ich bisher gekostet hatte.
Während wir in der Bäckerei standen und verköstigt wurden, kamen immer mehr Freunde hinzu und nach einer Weile wurden alle vom Bäcker persönlich eingeladen, ein paar Dias von ihm anzusehen. Wir erwarteten schlimmes - taiwanesische Fotos bestehen meist aus einer Person vor irgendeiner Sehenswürdigkeit, die im Hintergrund verschwindet - allerdings wurden wir sehr positiv überrascht: der Fotograf stellte sich als Preisträger einiger Wettbewerbe heraus und seine Landschaftsaufnahmen waren großartig!
Gegen zwei Uhr waren wir dann endlich alle wieder zu Hause und nach und nach wurden alle durch die eine Dusche (ein Wasserhahn mit Duschschlauch mitten im Klo...) in der Wohnung geschleust. Geschlafen haben wir mehr oder weniger komfortabel auf dem Boden und einer Liege, mit Handtuch als Leintuch und einigen stinkenden Bettdecken - auf drei zusätzliche Schläfer war unsere Gastfamilie dann doch nicht eingerichtet.
Morgens bekochte uns die Mutter mit Thunfisch, mit Käse gefüllten und frittierten Fischen, Bohnen und sonstigen Spezialitäten... leider waren die Fisch-Sachen diesmal nicht ganz so lecker. Nach dem Frühstück ging es in den Stadtpark, der für deutsche Verhältnisse doch recht makaber war: hinter, vor und zwischen den vielen buddhistischen Statuen fand sich ein Kriegsflugzeug, eine Schiffskanone und sonstige militärische Andenken.
Martin ist in seinem Lab als der Bananen-Liebhaber bekannt und so fuhren wir anschließend zu einer Bananenfarm, wo wir unsere eigenen Stauden fällen konnten... jeder mit einer Staude Bananen bestückt wurden wir dann zum Bus zurück nach Tainan gebracht. Ein ganz normaler Reisebus, aber mit nur ca. 20 Sitzplätzen... Sitzplätze, die einem Wohnzimmersessel gleichen; mit eigenem TV-Bildschirm, Spiele-Konsole und Massagefunktion!
Ein bisschen Erholung tat aber gut: obwohl die zwei Tage sehr gemütlich waren, ist es doch sehr anstrengend, immer nur Chinesisch zu reden oder zu übersetzen und auf alle zu reagieren, dass einem gezeigt wird und angeblich "gude" oder "butifule" ist. Außerdem erwartete uns in Tainan schon das nächste Mondfest-Grillen, diesmal mit einigen taiwanesischen Studentinnen.